Was dir niemand über Liegestütze erzählt
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Bewegung in der Social-Media-Ära – oder wie eine simple Übung den YouTube-Algorithmus erklärt.

Zu wenig Zeit für Bewegung, zu viel Zeit auf Social Media? Ziel erreicht.
Wie der Journalist Max Fisher in seinem Buch «The Chaos Machine» beschreibt, sind die Algorithmen von Facebook, Instagram, YouTube & Co. vor allem auf ein Ziel optimiert: Menschen möglichst lange auf der Plattform zu halten.
Ich bin besonders anfällig für den YouTube‑Algorithmus. Aus einem kurzen Video werden schnell mehrere Stunden, an deren Ende ich mich frage, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Um das besser zu verstehen, habe ich einen Tag im Café verbracht und mehr als tausend Videotitel zu einer neutralen Frage analysiert: Wie macht man einen Liegestütz?
Dafür habe ich auf YouTube im Inkognito-Modus nach «how to do a push up» gesucht und die ersten zehn Titel aufgeschrieben (Runde 1). Anschliessend habe ich für jedes dieser Videos die ersten zehn vorgeschlagenen Videos notiert (Runde 2) und diesen Vorgang ein weiteres Mal wiederholt (Runde 3). Auf diese Weise kam ich auf insgesamt 1110 Videotitel (siehe Abbildung 1). Die Titel habe ich dann nach eigenen Kriterien in Kategorien eingeteilt.

Abbildung 1. Vorgehen zur Analyse von 1110 YouTube-Videotiteln ausgehend von der Suchanfrage «how to do a push up». Dargestellt ist jeweils ein Beispielvideo pro Runde.
Von der Anleitung zur Verunsicherung
Welche Videos bekomme ich vom Algorithmus empfohlen? Die Beispiele in Abbildung 1 veranschaulichen ein auffälliges Muster.
In Runde 1 dominieren noch kurze Anleitungsvideos zur korrekten Ausführung (7 von 10 Videos). In Runde 2 und 3 finden sich dagegen zunehmend längere Videos, die verunsichern («du machst das falsch!»), einfache Lösungen versprechen («mach das 5 Minuten pro Tag!») oder Themen aufgreifen, die eine stärkere emotionale Reaktion auslösen («Wie man viszerales Bauchfett tatsächlich dauerhaft verbrennt»). Viele Videos geben mir das Gefühl, etwas falsch zu machen. Andere versprechen, mir eine geheime Lösung zu verraten.
Abbildung 2 zeigt, wie sich die Videos in Runde 3 verteilen: Nur rund jedes fünfte Video beantwortet noch die ursprüngliche Frage.

Abbildung 2. Anteil der Videos in Runde 3 (1000 Videotitel), eingeteilt nach eigenen Kriterien anhand der Titel, die verunsichern (z. B. «Diese Fehler RUINIEREN deinen Rücken»), einfache Lösungen anbieten (z. B. «Der EINZIGE Weg, Muskeln aufzubauen»), das Thema wechseln (z. B. «Die lustigsten Videos im Internet»), Instruktionen liefern (z. B. «Wie man zehn Liegestütze schafft»), übertriebene Transformationen versprechen (z. B. «30 Tage weniger Zucker, UNGLAUBLICHE Ergebnisse»), Entertainment bieten (z. B. «Die schnellsten Läufer der Welt») oder Workouts zum Mitmachen anbieten. Videos, die der ursprünglichen Suchanfrage entsprechen, sind blaugrün dargestellt, alle übrigen violett.
Mehr als nur Zeit
Der Preis, den ich für jedes weitere angeschaute Video bezahle, ist zunächst meine Zeit. Die durchschnittliche Videolänge steigt von rund 3 Minuten in Runde 1 auf 10 Minuten in Runde 2 und 17 Minuten in Runde 3. Aber auch meine Aufmerksamkeit verschiebt sich: Sie wird zunehmend auf Themen gelenkt, nach denen ich ursprünglich gar nicht gesucht habe.
Das beeinflusst vermutlich auch, wie ich Bewegung wahrnehme. Darf Bewegung einfach «langweilig» sein: Spazierengehen, Joggen, Velofahren, Kniebeugen oder Liegestütze mit dem eigenen Körpergewicht? Oder braucht es immer die neue Trainingsmethode, die geheime Übung oder ein Problem, das mein Körper angeblich hat?
Zu wenig Zeit für Bewegung, zu viel Zeit auf Social Media? Was bei mir hilft: nur Videos anschauen, die ich selbst gesucht habe, und die Empfehlungen daneben ignorieren. Immer gelingt es mir nicht.
P. S. Falls du ein kompaktes Instruktionsvideo für einen Liegestütz suchst (inklusive Variationen, mit denen du die Übung an dein Niveau anpassen kannst), findest du mein eigenes unten. Ohne Werbung und ohne weitere Videovorschläge.



