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  • Jan Stutz, Dr. sc. ETH

Die Fitness als klinisches Vitalzeichen

Aktualisiert: 24. Dez. 2023

Fitness: Ein aussagekräftigerer Indikator für die Gesundheit im Vergleich zu traditionellen Risikofaktoren.



Die Bestimmung von Gewicht, Blutdruck, Blutfetten und Blutzucker wird in der klinischen Praxis routinemässig durchgeführt – zu Recht, da diese Werte zuverlässige Prognosefaktoren für die Entwicklung von Krankheiten darstellen [1-4]. Ein wesentliches Vitalzeichen wird jedoch meistens übersehen: die körperliche Fitness [5, 6].


Dies geschieht, obwohl es seit Längerem bekannt ist, dass ein geringes Fitnessniveau mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-, psychische, metabolische sowie verschiedene Krebserkrankungen verbunden ist (siehe Abbildung 1) [5, 7-14].


Abbildung 1. Sterblichkeitsrate in Abhängigkeit der Fitness. Die Daten zeigen gut auf, dass bei inaktiven Personen schon eine kleine Verbesserung der Fitness eine grosse positive Wirkung auf die Gesundheit hat. Man muss kein Athlet oder keine Athletin sein, um von Bewegung zu profitieren. Adaptiert aus Blair et al (1989) [8].


Eine Analyse der American Heart Association kommt sogar zum Schluss, dass die Fitness einen potenziell besseren Prädiktor für die Sterblichkeit darstellt als etablierte Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, hoher Cholesterinspiegel oder Typ-2-Diabetes [5]. Die routinemässige Bestimmung der Fitness, zusätzlich zu den etablierten Faktoren, kann so die Abschätzung des Risikoprofils einer Person deutlich verbessern [5].

Infobox: Fitness – ein umfassendes Vitalzeichen

Bewegung erfordert die koordinierte Zusammenarbeit verschiedener Systeme, um Sauerstoff aus der Atmosphäre zu den Muskelzellen zu transportieren. Involviert sind die Lungenfunktion und die Gasaustauschfähigkeit zwischen Lungen und Kapillaren, die rechte und linke Herzfunktion, die Fähigkeit des Gefässsystems, Blut vom Herzen aufzunehmen und effizient zu transportieren, sowie die Fähigkeit der Muskelzellen, Sauerstoff und Nährstoffe aufzunehmen und zu nutzen. Die Fitness gilt somit als ein Spiegelbild der Gesundheit des gesamten Körpers [5].


Wie misst man Fitness?


Die für wissenschaftliche und klinische Zwecke bestmögliche Methode stellt ein kardiopulmonaler Belastungstest dar [5, 15]. Dabei wird die Belastungsintensität (normalerweise auf einem Fahrradergometer oder Laufband) stufenweise erhöht, bis die Leistungsgrenze erreicht ist oder bis die Prüfperson die Testperson anhand von vordefinierten Symptomen anhaltet [16]. Mittels Atemmaske wird der maximale Sauerstoffverbrauch pro Minute während des Tests (VO₂max) ermittelt. VO₂max stellt somit den Gradmesser für die kardiorespiratorische Fitness dar. Ein kardiopulmonaler Belastungstest ist aber aufwendig, mit relativ hohen Kosten verbunden und erfordert eine erhebliche körperliche Anstrengung der Testperson. Das sind wahrscheinlich die Hauptgründe, weshalb die Fitness im klinischen Alltag so selten gemessen wird. Wie in Tabelle 1 ersichtlich, gibt es aber gute Alternativen.



Tabelle 1. Methoden zur Messung oder Abschätzung der kardiorespiratorischen Fitness (VO₂max)

Methoden zur Messung der Fitness

Kardiopulmonaler Belastungstest

  • Anstrengung: Maximal.

  • Vorteile: Bestmögliche Methode zur Bestimmung von VO₂max.

  • Nachteile: Maximale Anstrengung, zeitaufwendig, relativ teuer.

Maximaler Belastungstest (ohne Messung des Sauerstoffverbrauchs)

  • Anstrengung: Maximal.

  • Vorteile: Weniger Laborgeräte nötig. Gute Abschätzung von VO₂max.

  • Nachteile: Maximale Anstrengung, relativ Zeitaufwendig.

Submaximaler Belastungstest

  • Anstrengung: Submaximal.

  • Vorteile: Keine maximale Belastung, einfacher und schnellere Durchführung.

  • Nachteile: Weniger genau (verglichen mit maximalen Tests).

Algorithmen, die leicht verfügbare klinische Variablen verwenden (z. B. Ruheherzfrequenz, Körperfett und Bewegungsverhalten)

  • Anstrengung: Keine.

  • Vorteile: Einfach, kostengünstig und schnell, trotzdem einigermassen genaue Schätzung von VO₂max*.

  • Nachteile: Weniger genau als die anderen Methoden.

* Für die wissenschaftlich orientierten Leserinnen und Leser: Bestimmtheitsmass um die 0,6–0,8 und Standard Error of the Estimate um die 3–5 ml/min/kg, je nach Algorithmus. Siehe auch Tabelle 6 in Ross et al. (2016) [5].


Die Abschätzung der kardiorespiratorischen Fitness anhand von Algorithmen bietet dabei einen besonders aussagekräftigen Ansatz für die klinische Routinepraxis, da sie Personen mit geringer Fitness identifizieren kann, die einem erhöhten Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind, ohne dass sich die Testperson körperlich betätigen muss [5].



Fazit


Die Beurteilung der Fitness liefert zusätzliche Informationen für eine bessere Risikovorhersage. In einer wissenschaftlichen Stellungnahme empfehlt die American Heart Association, die Fitness in regelmässigen Abständen zu messen (einmal jährlich), idealerweise mittels kardiopulmonaler Belastungstests. Wenn nicht möglich oder nicht gewünscht, bietet die Schätzung der Fitness unter Verwendung von Algorithmen eine pragmatische Alternative [5].


Referenzen


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