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«Gehen ist Luxus für mich, wie Wellness»

  • Jan Stutz, Dr. sc. ETH
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 45 Minuten

Gurmej, 64, geht lieber zu Fuss zum Bauernhof, um die Milch zu holen. Bewegung ist Teil seiner Lebenshaltung und hält ihn jung.



Klimmzug, älterer Herr


Kurz nach sieben, der Trainingsplatz leer, der Himmel noch grau. Hier treffe ich mich mit Gurmej, 64 Jahre alt, orangefarbene Hosen, fit und beweglich wie ein 30-Jähriger. Schon beim ersten Treffen vor einigen Wochen war ich von seiner Beweglichkeit beeindruckt: Immer wieder sprang er über oder zwischen die Trainingsstangen, mal von links, mal von rechts, mal mit mehr Schwung, mal mit weniger. Ich will wissen, was hinter seiner Fitness steckt.



Jan: Glaubst du an Glück?


Gurmej: Ja, man muss es sich aber auch erarbeiten.

 

Sind deine Fitness und Gesundheit Glückssache?


Ich habe die letzten 30 Jahre im Büro gearbeitet. Ich bin jeden Tag die 12 Stockwerke zu Fuss gelaufen. Während Pausen ging ich immer spazieren. Bei Sitzungen konnte ich nicht still sitzen. Ich habe dann oft meine Beine bewegt und Knieheben gemacht. Anstatt auf den Bus oder die Tram zu warten, bin ich oft mehrere Stationen zu Fuss gelaufen. Sonst wurde mir langweilig.

 

Kein strukturiertes Training?


Ich versuche, mein Leben so zu gestalten, dass ich nicht trainieren muss. Die drei Kilometer zum Bauernhof, um die Milch zu holen, mache ich immer noch zu Fuss. Pro Tag sind das ungefähr 10 Kilometer. Gehen ist für mich ein Luxus, wie Wellness. Oft gehe ich eine halbe Stunde barfuss auf Kiesstein oder die Wiese. Das geniesse ich sehr.

 

Bewegung im Alltag also?


Ja. Momentan verbringe ich aber wegen eines Problems am Fuss viel Zeit vor dem Fernseher. Ich habe aber immer Hanteln in Griffweite, und mache damit verschiedene Übungen während des Fernsehens. Beim Zähneputzen mache ich Kniebeugen.

 

Ist das kein Muss?


Nein, eine Gewohnheit. Bewegung soll Spass machen. Du machst das für dich, für niemand anderen. Bei der Arbeit denken und machen wir schon die ganze Zeit etwas für die anderen. Ich finde, 10 % des Tages sollten wir uns etwas Gutes tun, z. B. Bewegung. Oder meditieren vor dem Einschlafen.

 

Was machst du für deine Kraft?


Ich komme seit fünf Jahren regelmässig hierher (Street-Work-out-Anlage), auch nur zum Zuschauen. Die jungen Menschen motivieren mich und ich lerne immer wieder neue Übungen und Menschen kennen. Seit dem Tod meiner Frau vor fünf Jahren habe ich viel Zeit. Ich bin nun oft schon vor 6 Uhr hier. Kräftigungsübungen machen mir Spass. Und ich kann dann so viel essen, wie ich will! (lacht). Mein Selbstvertrauen ist dadurch deutlich gestiegen. Früher habe ich mich geschämt, weil ich sehr dünn war. Jetzt macht mir mein Spiegelbild Freude.

 

Kann das auch zur Sucht werden?


Nur, wenn ich das für andere mache. Wenn ich die Bestätigung anderer suche.

 

Warst du immer schon so aktiv?


Ja, meine Familie war arm. Wir haben Schnüre hergestellt. Das ist anstrengende körperliche Arbeit, aber ein effektives Ganzkörpertraining. Als ich 1988 in die Schweiz kam, war ich zuerst in der Gastronomie tätig und dann 30 Jahre lang Bankangestellter. Bewegung im Alltag habe ich trotzdem erhalten.

 

Spürst du das Älterwerden?


Im Moment nicht. Ich kann noch machen, was ich mit 30 gemacht habe. Zu Fuss gehen, mich an einer Stange hochziehen.

 

Hast du Ziele für die Zukunft?


Ich versuche, ans Heute zu denken. Wenn ich morgens einen neuen Tag bekomme, bin ich dankbar und geniesse ihn. Ich bewege mich, weil es mir im Hier und Jetzt Freude bereitet, nicht weil ich ein Ziel verfolge. Langsam werde ich wieder wie ein Kind. Ich liege dann einfach im Gras, frei von Gedanken und Sorgen. Jesus meinte, das Himmelsreich gehört den Kindern.

 

Was, wenn jemand weniger Glück mit der Gesundheit hat? Kann er oder sie auch sorglos im Gras liegen?


Ich glaube, wir müssen uns akzeptieren, so wie wir sind. Ob gesund oder krank. Ich will nicht jemandem die Schuld für meine Situation zuschieben. Wenn ich ein Problem habe, frage ich mich: Kann ich es lösen? Falls ja, suche ich mir Hilfe. Aber jede Person ist hilfsbereit, und im schlimmsten Fall sagt mir jemand halt nein. Dann frage ich eben eine andere Person. Und wenn das Problem nicht lösbar ist, versuche ich, es zu akzeptieren und, falls nötig, mein Leben anzupassen. Z. B. bei Schmerzen: weniger bewegen, oder anders. Wenn ich nur im Bett liege, hört das Leben auf.

 

Bist du religiös?


Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich glaube, wir sind hier, um einander zu helfen. Wir haben alle dasselbe Blut, die gleiche Haut. Für mich stehen an erster Stelle die Beziehung zu anderen Menschen, zu den Tieren, zur Natur. Unter einem Baum zu entspannen, ist für mich wie Ferien.

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