Zwischen Heilversprechen und Lebensfreude
- Jan Stutz, Dr. sc. ETH
- 11. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Dez. 2025
Bewegung ist nicht für alle Medizin. Über ihre Grenzen als Therapie und ihre Bedeutung als Ausdruck persönlicher Werte.

Fast schon dogmatisch propagiere ich die Botschaft, dass Bewegung Medizin sei. Obwohl der Zusammenhang zwischen Bewegung und Gesundheit schon seit Jahrtausenden bekannt ist (siehe z. B. Hippokrates: «Gehen ist des Menschen beste Medizin»), verwenden wir den Ausdruck erst seit weniger als 20 Jahren. Im Jahr 2008 hat das American College of Sports Medicine den Ausdruck eingeführt und intensiv beworben, um Bewegung stärker in der Gesundheitsförderung zu verankern und sie, ähnlich wie ein Medikament, bei Beschwerden zu verschreiben.
Ich bin dankbar, dass dadurch die Rolle von Bewegung für unsere Gesundheit in der Gesellschaft und bei politischen Entscheidungsträgern stärker ins Bewusstsein rückte. Doch ich möchte das Konzept in diesem Artikel auch aus einem kritischen Blickwinkel betrachten.
Individualisierte Gesundheitslogik
Die Botschaft «Bewegung ist Medizin» passt gut zu einer individualisierten Gesundheitslogik. Die Verantwortung für Gesundheit wird dem Individuum zugeschrieben, während gesellschaftliche und strukturelle Bedingungen körperlicher Aktivität nur unzureichend berücksichtigt werden. Wie Prof. Williams beschreibt, kann diese einseitige Betrachtungsweise zu Ungerechtigkeiten führen (1).
Die vereinfachte Interpretation von «Bewegung ist Medizin für alle» kann nämlich zu einer Ideologie werden, in der Gesundheit zur moralischen Pflicht wird, individuelle Verhaltensweisen allein über Krankheit und Gesundheit entscheiden und gesellschaftliche und strukturelle Faktoren vernachlässigt oder ignoriert werden. Wie im biopsychosozialen Modell von Gesundheit und Krankheit, von Engel im Jahre 1977 beschrieben (2), gehe auch ich davon aus, dass Gesundheit und Krankheit das Resultat einer komplexen Interaktion von biologischen (z. B. Genetik, Physiologie), sozialen (z. B. Familie und Bekannte) und psychologischen (z. B. Stress, Beziehungen) Faktoren sind. Auch dieses Modell kann jedoch dazu beitragen, Verantwortung vor allem auf der individuellen Ebene zu verorten.
Dabei prägen gesellschaftliche Rahmenbedingungen wesentlich, ob und wie Bewegung überhaupt möglich ist. Armut, Diskriminierung, Luftqualität oder Arbeitsbedingungen bestimmen den Alltag vieler Menschen und damit auch ihre Bewegungsmöglichkeiten. Es stellt sich die Frage, ob die starke Betonung individueller Bewegung von solchen strukturellen Problemen ablenken kann.
Ein Beispiel dafür ist die Arbeitszeit. Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass eine Verringerung der Sollarbeitszeit Stress reduziert, den Schlaf verbessert und so Gesundheit und Wohlbefinden fördern kann (3). Gleichzeitig wird hier soziale Ungleichheit sichtbar: Nicht alle Menschen können es sich leisten, weniger zu arbeiten. Strukturelle Bedingungen schaffen somit den Rahmen, in dem Bewegung möglich wird. Sie erklären jedoch nicht vollständig, wie Bewegung individuell erlebt wird oder welche Wirkung sie entfaltet.
Bewegung ist nicht für alle Medizin
Prof. Williams argumentiert, dass Bewegung nicht für alle gleich hilfreich sein kann. Für manche Menschen, etwa Patient:innen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, kann Bewegung auch negative Folgen haben: Symptome und Schmerzen können sich unter gewissen Umständen durch Bewegung sogar verschlechtern. Damit ist nicht nur gemeint, dass Bewegung unterschiedlich gut wirkt, sondern auch, dass ihr Wert nicht zwingend an gesundheitlichen Effekten gemessen werden muss.
Die Botschaft «Bewegung ist Medizin für alle» ist eine zu starke Vereinfachung der Realität und fördert normative Erwartungen, die nicht für alle umsetzbar oder erwünscht sind. In seinem einflussreichen Soziologieaufsatz «Healthism and the Medicalization of Everyday Life» hat Robert Crawford dieses Phänomen schon 1980 beschrieben (4). Die Ideologie behandelt Gesundheit als Superwert, der jede Lebensentscheidung durchdringt, und macht sie so zu einem moralischen Wert. Doch daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Muss Gesundheit überhaupt unser höchstes Ziel sein?
Bewegung als Ausdruck persönlicher Werte
In der Psychologie, insbesondere in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), wird untersucht, wie Menschen trotz Schmerzen ein erfülltes Leben führen können. Ein zentraler Ansatz ist die sogenannte akzeptanz- und wertebasierte Handlung bei chronischen Schmerzen. Der Fokus liegt dabei nicht auf Symptomreduktion oder Optimierung, sondern auf einem Leben im Einklang mit persönlichen Werten. Auch dann, wenn Schmerzen bleiben (5).
In ihrem Artikel beschreibt Prof. Williams Beobachtungen und Erfahrungen von Patient:innen mit Schmerzen. Für viele war Bewegung weniger ein Medikament, sondern ein Teil ihrer Identität. Ein Weg zu Teilhabe, Selbstwirksamkeit, Freude und Normalität (1). Einige berichteten, sie fühlten sich durch Bewegung «wieder lebendig», sie spürten sich selbst, ihr Körpergefühl kehrte zurück. Der Aspekt des Wohlbefindens und der Lebensqualität war zentral, nicht primär physiologische Verbesserung oder Krankheitsprävention.
Auch meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt, wie komplex die Beziehung zwischen Bewegung, Schmerz und Erwartungen sein kann. Früher habe ich öfter physiotherapeutische Übungen gemacht, um meine Knieschmerzen zu behandeln. Vielleicht konnte ich so die Schmerzen stabilisieren, aber sie gingen nie ganz weg. Ich war auch enttäuscht, weil man mir Heilung versprach. Habe ich einfach nicht genügend Übungen gemacht? Mir ist bewusst, dass ich auch Glück habe, dass die Schmerzen bisher nie stark einschränkend waren. Ich liebe Bewegung und akzeptiere, dass ich manchmal 1–2 Tage lang leichte Schmerzen davontrage. Wenn ich nur Schmerzfreiheit als Ziel sähe, müsste ich viele Sportarten aufgeben. Das habe ich auch 6 Monate lang ausprobiert, doch es war nicht der Mühe wert. Ich kann die Schmerzen akzeptieren, weil Bewegung mir Freude, Verbundenheit und Grenzerfahrung bietet. Ich möchte mich in dieser Akzeptanz auch in anderen Lebensbereichen üben.
Ich frage mich schlussendlich: Sind die Longevity-Bewegung und die Kontrolle über unsere Gesundheit nur die Spitze des Eisbergs unserer privatisierten Gesundheitsideale? Lenkt das vielleicht von der entscheidenden Frage ab, was uns wirklich wichtig im Leben ist?
Vielleicht gelingt ein erfüllteres Leben nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch andere Prioritäten. Bewegung kann Teil davon sein. Nicht als Pflicht, nicht als Heilversprechen, sondern als Ausdruck dessen, was uns wichtig ist.
Referenzen
1. Williams TL, Hunt ER, Papathomas A, Smith B. Exercise is medicine? Most of the time for most; but not always for all. Qualitative Research in Sport, Exercise and Health. 2018 Aug 8;10(4):441–56. https://doi.org/10.1080/2159676X.2017.1405363
2. Engel GL. The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science. 1977 Apr 8;196(4286):129–36. https://doi.org/10.1126/science.847460
3. Voglino G, Savatteri A, Gualano MR, Catozzi D, Rousset S, Boietti E, et al. How the reduction of working hours could influence health outcomes: a systematic review of published studies. BMJ Open. 2022 Apr 1;12(4):e051131. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-051131
4. Crawford R. Healthism and the medicalization of everyday life. Int J Health Serv. 1980;10(3):365–88. https://doi.org/10.2190/3H2H-3XJN-3KAY-G9NY
5. Vowles KE, McCracken LM, O’Brien JZ. Acceptance and values-based action in chronic pain: a three-year follow-up analysis of treatment effectiveness and process. Behav Res Ther. 2011 Nov;49(11):748–55. https://doi.org/10.1016/j.brat.2011.08.002



