Ist die Lunge trainierbar?
- Jan Stutz, Dr. sc. ETH
- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Atemmuskeltraining verbessert die Kraft und Ausdauer der Atemmuskulatur. Doch wer profitiert davon?
Eine gesunde Lunge ist den Anforderungen von Bewegung und Sport gut gewachsen (1). Auch bei intensiver körperlicher Aktivität ist sie in der Regel in der Lage, ihre Hauptfunktionen – Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe und Regulation des Säure-Basen-Gleichgewichts im Blut – zu erfüllen.
Dennoch stellt sich im Kontext von Gesundheit und Leistungsfähigkeit häufig die Frage, ob die Lunge trainierbar ist. Falls ja, hat das spürbare Auswirkungen im Alltag und beim Sport?
Atemmuskeln
Doch zuerst: Was bedeutet Trainierbarkeit der Lunge? Das Lungengewebe ist kein Muskelgewebe, sondern ein passives, elastisches Gewebe, dessen primäre Aufgabe der Gasaustausch ist. Dieses Gewebe scheint sich mit Training nicht anzupassen (1). Die Muskulatur, die die Atmung steuert, jedoch schon.
Der wichtigste Atemmuskel ist das Zwerchfell, ein kuppelförmiger Muskel, der Brust- und Bauchraum trennt. Bei seiner Kontraktion senkt es sich ab und vergrössert den Thoraxraum. Dadurch entsteht ein Unterdruck in der Lunge, und Umgebungsluft strömt ein. Die Einatmung ist somit ein aktiver Prozess, da sie Muskelarbeit erfordert. Die Ausatmung in Ruhe ist hingegen überwiegend passiv. Das elastische Lungengewebe und der Brustkorb ziehen sich zurück, wodurch Luft aus der Lunge strömt (2).
Bei erhöhter Atmung, etwa während körperlicher Belastung, werden zusätzliche Atemhilfsmuskeln aktiviert. Die Einatmung wird unter anderem durch die äussere Zwischenrippenmuskulatur und bestimmte Halsmuskeln, die Ausatmung vorwiegend durch die Bauchmuskulatur und die innere Zwischenrippenmuskulatur unterstützt (2) (Abbildung 1).

Abbildung 1. Zwerchfell und Atemhilfsmuskeln.
Kohlendioxid reguliert die Atmung
Sowohl in Ruhe als auch unter Belastung laufen diese Prozesse in der Regel unwillkürlich ab. Dabei ist der wichtigste Stimulus für die Atmung die Kohlendioxidkonzentration im Blut. Kohlendioxid entsteht im Muskel als Nebenprodukt der Verbrennung von Kohlenhydraten und Fetten zur Energiegewinnung. Dieser Prozess läuft kontinuierlich ab: in moderatem Ausmass in Ruhe und zunehmend mit steigender körperlicher Aktivität, weitgehend proportional zur Belastungsintensität.
Wir atmen bei körperlicher Aktivität daher primär mehr, um Kohlendioxid abzuatmen, nicht um zusätzlichen Sauerstoff aufzunehmen. Dies ist physiologisch sinnvoll, da ein Anstieg von CO₂ im Blut zu relevanten Störungen führen kann (z. B. Übersäuerung des Bluts, Atemnot), während ein moderater Abfall des Sauerstoffgehalts zunächst besser toleriert wird.
Hinweis: Aus diesem Grund atmen Apnoetaucher:innen vor dem Atemanhalten schnell und tief. Dadurch wird vermehrt Kohlendioxid abgeatmet, sodass es länger dauert, bis der CO₂-Spiegel ein Niveau erreicht, das den Atemantrieb auslöst. Während eines längeren Atemanhaltens sinkt zwar auch der Sauerstoffgehalt im Blut, dieser spielt für den Atemantrieb jedoch eine untergeordnete Rolle. Dieses Vorgehen ist jedoch gefährlich, da es den Atemantrieb verzögert und so das Risiko einer hypoxischen Bewusstlosigkeit erhöht.
Infobox: Hyperbare Sauerstofftherapie
Sowohl in Ruhe als auch unter intensiver Belastung ist die Lunge bei gesunden Menschen in der Regel in der Lage, die arterielle Sauerstoffsättigung zwischen 97 und 99 % zu halten. Entgegen häufigen Marketing-Versprechen ist es deshalb im Normalfall nicht notwendig, sauerstoffangereicherte Luft zu inhalieren. Longevity-Kliniken werben beispielsweise mit hyperbarer Sauerstofftherapie (HBOT), um die Sauerstoffverfügbarkeit im Blut zu erhöhen und so die Erholung zu fördern (z. B. CHF 2’340 für ein 10er-Paket in Zürich) (3). Ob daraus bei gesunden Personen ein relevanter Nutzen für Regeneration oder Trainingsanpassung entsteht, ist jedoch unwahrscheinlich. Eine Übersichtsarbeit zeigt für HBOT keinen konsistenten Effekt auf Erholung oder Leistungsfähigkeit (4). Zudem kann HBOT Nebenwirkungen verursachen: am häufigsten Ohrbeschwerden sowie vorübergehende Sehveränderungen (5).
Atemmuskulatur ist trainierbar
Die Atemmuskulatur wird während körperlicher Aktivität vermehrt beansprucht und passt sich an: Ausdauersportler weisen in der Regel eine höhere Ermüdungsresistenz der Atemmuskulatur auf, während bei Kraftsportlern vor allem die Atemmuskelkraft erhöht ist (6).
Regelmässiges Schwimmen kann, wegen des hydrostatischen Druckes, die Atemmuskulatur besonders effektiv beanspruchen (1). Die Atemmuskulatur kann zudem gezielt und isoliert mit speziellen Trainingsgeräten trainiert werden. Dabei führen Atemmuskel-Ausdauertraining und Atemmuskel-Krafttraining jeweils zu spezifischen Anpassungen: Ersteres verbessert primär die Ermüdungsresistenz der Atemmuskulatur, letzteres deren Kraftentwicklung (7).
Diese Anpassungen betreffen die Atemmuskulatur, nicht jedoch das Lungengewebe selbst. Bringen aber stärkere und ausdauernde Atemmuskeln gesundheitliche Vorteile?
Keine grössere Lunge mit Training
Die Lungenstruktur und die Lungenfunktion in Ruhe scheinen bei gesunden Proband:innen weder durch körperliches Training noch durch spezifisches Atemmuskeltraining beeinflussbar zu sein (1,2,8). Dies ist wenig überraschend, da Lungenvolumina vorwiegend anatomisch determiniert sind, etwa durch Körpergrösse, Thoraxgeometrie sowie die elastischen Eigenschaften von Lunge und Brustwand. Die Datenlage ist jedoch nicht eindeutig. Querschnittsstudien zeigen gelegentlich grössere Lungenvolumina bei ausdauertrainierten Sportler:innen im Vergleich zu inaktiven Personen (1). Dieser Befund lässt sich jedoch auch dadurch erklären, dass Menschen mit grösseren Lungen eher Ausdauersportarten ausüben als Menschen mit kleineren Lungen (1).
Hinweis: Viel wichtiger für die Lungenstruktur und -funktion ist der Verzicht auf toxische Substanzen wie Zigarettenrauch. Für Rauchende lohnt sich ein Rauchstopp: Studien zeigen, dass so das Risiko für Lungenkrebs und Herzkreislauferkrankungen gesenkt wird und sich das Lungengewebe teilweise regenerieren kann (9,10). In beiden Fällen kann aber eine vollständige Regeneration auf das Niveau von Nichtrauchenden wahrscheinlich nicht erreicht werden, insbesondere bei langjährigem Rauchen.
Ein spezifisches Atemmuskeltraining führt in der Regel – im Gegensatz zu Ganzkörpertraining – auch nicht zu einer Verbesserung der kardiovaskulären Gesundheit oder des Schlafs (11). Aus diesen Gründen ist meiner Meinung nach ein Atemmuskeltraining für gesunde Menschen nicht zu empfehlen.
Atemmuskeltraining im Alter, Leistungssport und bei Krankheit
Es gibt aber Ausnahmen. Mit zunehmendem Alter nehmen die Lungenelastizität, die Lungenkapazität und die Atemmuskelkraft ab (12). Diese Veränderungen beeinträchtigen die Atmung in Ruhe meist nicht, können jedoch bei intensiver Belastung – wie beim schnellen Bergauflaufen – limitierend sein. Atemmuskeltraining kann unter diesen Umständen helfen, die Leistungsfähigkeit zu verbessern. Nach einem Monat Ausdauertraining der Atemmuskulatur konnten gesunde ältere Studienteilnehmer:innen die maximale Leistungsfähigkeit beim Bergauflaufen verbessern (11). Die Verbesserung ist wahrscheinlich auf ein niedrigeres Gefühl von Atemanstrengung zurückzuführen. Jedoch sind die Verbesserungen klein und es stellt sich die Frage, ob sich der Zeitaufwand lohnt: In der Studie mussten die Teilnehmenden 30 Minuten pro Tag an 5 Tagen pro Woche trainieren.
Leistungssportler:innen können von einem Atemmuskeltraining auch profitieren. Auch wenn eine gesunde Lunge den Anforderungen von Sport gut gewachsen ist, kann bei Hochleistungssportler:innen die Lunge ein limitierender Faktor für die Ausdauerleistung darstellen (13). So zeigt eine Übersichtsarbeit eine verbesserte Ausdauerleistungsfähigkeit in verschiedenen Sportarten nach mehrmonatigem Training der Atemmuskulatur, unter anderem Schwimmen, Rennen und Velofahren (14).
Das Atemmuskeltraining könnte auch für Patient:innen interessant sein, die krankheitsbedingt schwache Atemmuskeln aufweisen, wie das beispielsweise bei COPD oder gewissen neuromuskulären Erkrankungen der Fall ist. Eine Einschränkung der Atemfunktion kann nämlich zu erhöhter Atemarbeit und Atemnot führen, was bei diesen Patient:innen mit spezifischem Training der Atemmuskulatur entgegengewirkt werden kann (15).
Doch wenn das Atemmuskeltraining einem klassischen Ausdauertraining wie Gehen, Joggen oder Velofahren hinzugefügt wird, führt das – ausser einer weiteren Erhöhung der Atemmuskelkraft – zu keiner weiteren Verbesserung von Atemnot oder Lebensqualität, zumindest bei Patient:innen mit COPD oder einer neuromuskulären Erkrankung (16,17).
Mit normalem Ausdauertraining werden die Atemmuskeln – zusätzlich zum Herzkreislaufsystem, was mit isoliertem Atemmuskeltraining nicht der Fall ist – bereits mittrainiert. Der zusätzliche Gewinn eines Atemmuskeltrainings scheint sich also auf eine stärkere Atemmuskulatur zu beschränken.
Infobox: Wie trainiert man die Atemmuskulatur?
Die Atemmuskulatur wird bereits im Alltag mit jeder Ein- und Ausatmung trainiert. Je intensiver die Atmung, z. B. während Treppensteigens oder einer Bergwanderung, desto höher der Trainingsstimulus.
Trainingsgeräte für die Atemmuskulatur lassen sich in zwei Kategorien einordnen: Geräte für das Kraft- oder das Ausdauertraining. Erstere benutzen oft einen Widerstand, der bei der Einatmung überwunden werden muss. Proband:innen in Studien trainieren damit 5–10 min pro Training an 3–5 Tagen pro Woche über 1–3 Monate. Das Ausdauertraining für die Atemmuskeln ist kostspieliger und dauert üblicherweise 30 Minuten pro Training. Beide Trainingsmethoden scheinen ähnlich wirksam zu sein (14,15).
Das Training geht auch ohne Spezialgeräte. Mit einem Blasinstrument oder mit einem Strohhalm (Einatmen gegen einen möglichst engen Widerstand, z. B. 30 langsame, kräftige Atemzüge pro Sitzung, 1–2-mal täglich über mindestens 6–8 Wochen; der Widerstand wird erhöht, indem der Strohhalm verengt oder verlängert wird) kann die Atemmuskelkraft ebenfalls trainiert werden. Beachte: Es gibt keine Studien, die das Training mit einem Strohhalm durchgeführt haben. Physiologisch ist das Prinzip aber identisch, aber die Trainingsintensität ist weniger standardisierbar.
Hinweis: Atemtechniken können das subjektive Erleben von Atmung, Entspannung oder Stress beeinflussen. Sie verändern jedoch weder die Lungenstruktur noch die Lungenfunktion. Auf dieses Thema wird in einem zukünftigen Artikel näher eingegangen.
Fazit
Die Lungenstruktur ist vorwiegend anatomisch determiniert und somit mit Training wenig bis kaum beeinflussbar. Die Atemmuskeln passen sich jedoch je nach Stimulus an: Mit Krafttraining werden sie stärker, mit Ausdauertraining ausdauernder.
Im gesunden Menschen scheint ein spezifisches Training der Atemmuskeln keine gesundheitlichen Vorteile zu bewirken. In Patient:innen mit schwacher Atemmuskulatur kann isoliertes Atemmuskeltraining die Kraft und Ausdauer der Atemmuskeln verbessern; ob das relevante Auswirkungen auf die Gesundheit hat, ist jedoch fraglich. Leistungssportler:innen könnten mit einem Atemmuskeltraining die Ausdauerleistung leicht verbessern.
Referenzen
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