Mit Bewegung Migräne vorbeugen
- Jan Stutz, Dr. sc. ETH
- vor 9 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Regelmässige Bewegung reduziert Migräneattacken ähnlich effektiv wie Medikamente – bei deutlich besseren Nebenwirkungen.
Mehr als die Hälfte der Patient:innen mit Migräne ist mit der momentanen medikamentösen Behandlung unzufrieden (1). Jede achte Person berichtet zudem über einen übermässigen Gebrauch von Medikamenten (1). Viele wünschen sich deshalb alternative Behandlungsmethoden.
Eine effektive und kostengünstige Alternative ist regelmässige Bewegung. Zur Prävention von Migräneattacken kann sie genauso effektiv sein wie die Einnahme von Medikamenten (2). In einer Studie in Schweden mussten 91 Patient:innen mit Migräne entweder 3 Monate lang an drei Tagen pro Woche 40 Minuten bei mittlerer Intensität Velofahren (Anstrengung 5–8 auf einer Skala von 0 bis 10) oder täglich ein Medikament zur Vorbeugung einnehmen (Topiramat, Handelsname Topamax).
Bewegung und das Medikament waren gleich effektiv. Im Durchschnitt konnten beide Gruppen die durchschnittliche Anzahl von monatlichen Migräneattacken von 4 auf 3 reduzieren (25 % Reduktion, siehe Abbildung 1).

Abbildung 1. Bewegung zeigte in dieser Studie die gleiche vorbeugende Wirkung wie eine medikamentöse Behandlung (Topiramat). Daten aus Varkey et al. (2).
Positive Nebenwirkungen
Bewegung wirkt zur Vorbeugung also wie Medizin. Ein zusätzlicher Vorteil: Velofahren führte zu einer messbaren Steigerung der Fitness, was wiederum andere Begleitsymptome von Migräne verbessern kann, wie Übergewicht, Bluthochdruck, depressive Symptome sowie Angst- und Schlafprobleme (3–6). Ein Drittel der Teilnehmenden der Medikamentengruppe berichtete hingegen über unerwünschte Nebenwirkungen, wie Müdigkeit, depressive Stimmung und Schwindel (2).
Die Daten einer einzelnen Studie sind aber nicht zwingend auf alle Patient:innen übertragbar. Was sagen andere Studien? Welche Bewegungsform ist die effektivste? Oder kann Bewegung unter Umständen sogar eine Migräneattacke verursachen?
Die effektivsten Sportarten
Eine Zusammenfassung von sechs Studien mit insgesamt 357 Patient:innen (Frauenanteil 88 %) berichtet über eine Verringerung von Migräneattacken, Schmerzintensität und Schmerzdauer nach mehrwöchigem Ausdauertraining (7). Diese schmerzlindernde Wirkung tritt in Studien meist nach 2 bis 3 Monaten zügigen Gehens, Joggens oder Velofahrens bei mittlerer Intensität auf (7). Mittlere Intensität bedeutet eine Belastung, bei der die Atmung und Herzfrequenz deutlich erhöht sind, man aber noch sprechen kann. In den Studien erfolgte das 30- bis 60-minütige Training meist an rund drei Tagen pro Woche.
Wirken auch andere Sportarten? Eine Analyse von 28 Studien mit 1501 Patient:innen kommt zum Schluss, dass Yoga zur Vorbeugung von Migräneattacken ähnlich effektiv ist wie Ausdauersportarten (8). Praktisch relevant ist, dass sich die beiden Bewegungsformen sinnvoll ergänzen: Yoga kann insbesondere die Schmerzintensität reduzieren, während Ausdauersport die Schmerzdauer verkürzen kann (8).
Krafttraining kann ebenfalls effektiv sein, obwohl hierzu bislang nur wenige Studien vorliegen. Die vorhandenen drei Studien zeigen jedoch eine ähnliche Reduktion der Migräneattacken wie Ausdauertraining bei mittlerer oder hoher Intensität (siehe Abbildung 2) (9).

Abbildung 2. Durchschnittliche Verringerung der monatlichen Migräneattacken im Vergleich zu Placebo. Daten nach Woldeamanuel et al. (9).
Ergänzende Wirkmechanismen
Eine Kombination von Ausdauer, Kraft und Entspannungsübungen wie Yoga könnte deshalb zur Migräneprävention besonders wirksam sein (10,11), da sich die zugrunde liegenden Wirkmechanismen vermutlich ergänzen.
Ausdauerbewegung z. B. fördert die Freisetzung von Botenstoffen wie Endorphinen und Endocannabinoiden (12,13). Erstere wirken vor allem schmerzlindernd, während zweitere mit positiver Stimmung und Stressabbau in Verbindung stehen. Die vorbeugende Wirkung von Krafttraining ist vermutlich mit einer Anpassung der Muskeln und/oder des Nervensystems im Nackenbereich und/oder im Oberkörperbereich zu erklären, auch wenn die genauen Mechanismen noch nicht geklärt sind (9). Yoga und andere Entspannungsübungen fördern Entspannung und reduzieren Stress (14). Dies ist relevant, da Stress mit Migräne assoziiert ist, auch wenn kein eindeutiger kausaler Zusammenhang bisher nachgewiesen ist (15).
Bewegung als Ursache für Migräneattacken?
Trotz der positiven Datenlage zu Bewegung und Migräneprävention bewegen sich viele Menschen nicht, aus Angst, eine Migräneattacke zu verursachen (16). Das ist insoweit verständlich, als Bewegung in manchen Fällen als Auslöser einer Migräneattacke beschrieben worden ist. In einer Beobachtungsstudie waren die häufigsten Auslöser Stress (80 %), Hormone bei Frauen (65 %), Auslassen von Mahlzeiten (57 %), Wetter (53 %), Schlafstörungen (50 %), Parfüm oder Gerüche (44 %), Nackenschmerzen (38 %), Licht (38 %), Alkohol (38 %), Rauch (36 %), spätes Zubettgehen (32 %), Hitze (30 %), Nahrungsmittel (27 %), körperliche Aktivität (22 %) und sexuelle Aktivität (5 %) (17).
Auch wenn Bewegung in einzelnen Fällen eine Migräneattacke auslösen kann, überwiegt insgesamt der präventive Effekt, wie die oben beschriebenen Studien zeigen. Bei Unsicherheit wird empfohlen, sich bei leichter bis mittlerer Intensität zu bewegen und auf ausreichende Erholung zu achten. Wenn Bewegung als Auslöser beschrieben wird, betrifft dies eher höhere Intensitäten (18).
Zusammenfassend scheint Bewegung also keine wesentliche Rolle bei der Auslösung von Migräne zu spielen, sondern vielmehr präventiv zu wirken.
Fazit
Bewegung wirkt präventiv gegen Migräneattacken und reduziert sowohl Schmerzdauer als auch -intensität. Ausdauersportarten wie zügiges Gehen, Joggen und Velofahren, Krafttraining sowie Entspannungsübungen sind besonders geeignet und lassen sich gut kombinieren. Verschiedene Bewegungsformen wirken vermutlich ergänzend, unter anderem über die Ausschüttung schmerzlindernder Botenstoffe, den Abbau von Stress sowie Anpassungen des Muskel- und Nervensystems.
Bewegungsrezept zur Migräneprävention
Ausdauertraining: 2–3 × pro Woche, 30–45 Minuten bei mittlerer Intensität (z. B. zügiges Gehen oder Velofahren)
Krafttraining: 2 × pro Woche, Ganzkörpertraining (Übungsbeispiele im Download am Ende des Artikels)
Entspannung: 2–3 × pro Woche, 10–20 Minuten (z. B. Yoga, Atemübungen oder progressive Muskelentspannung)
Bereits dieses Pensum kann Migräneattacken messbar reduzieren, wenn es über mehrere Wochen regelmässig umgesetzt wird.
Übungen für Ganzkörperkraft – kostenloser Download
Referenzen
1. Coppola G, Brown JD, Mercadante AR, Drakeley S, Sternbach N, Jenkins A, et al. The epidemiology and unmet need of migraine in five european countries: results from the national health and wellness survey. BMC Public Health. 2025 Jan 21;25(1):254. doi:10.1186/s12889-024-21244-8 PubMed PMID: 39838307; PubMed Central PMCID: PMC11753071.
2. Varkey E, Cider Å, Carlsson J, Linde M. Exercise as migraine prophylaxis: A randomized study using relaxation and topiramate as controls. Cephalalgia. 2011 Oct;31(14):1428–38. doi:10.1177/0333102411419681 PubMed PMID: 21890526; PubMed Central PMCID: PMC3236524.
3. Wang SJ, Fuh JL, Chen PK. Comorbidities of Migraine. Front Neurol. 2010 Aug 23;1. doi:10.3389/fneur.2010.00016
4. Scher AI, Bigal ME, Lipton RB. Comorbidity of migraine. Curr Opin Neurol. 2005 Jun;18(3):305–10. doi:10.1097/01.wco.0000169750.52406.a2 PubMed PMID: 15891417.
5. Buse DC, Manack A, Serrano D, Turkel C, Lipton RB. Sociodemographic and comorbidity profiles of chronic migraine and episodic migraine sufferers. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2010 Apr;81(4):428–32. doi:10.1136/jnnp.2009.192492 PubMed PMID: 20164501.
6. Bigal ME, Lipton RB. The epidemiology, burden, and comorbidities of migraine. Neurol Clin. 2009 May;27(2):321–34. doi:10.1016/j.ncl.2008.11.011 PubMed PMID: 19289218.
7. Lemmens J, De Pauw J, Van Soom T, Michiels S, Versijpt J, van Breda E, et al. The effect of aerobic exercise on the number of migraine days, duration and pain intensity in migraine: a systematic literature review and meta-analysis. J Headache Pain. 2019 Feb 14;20(1):16. doi:10.1186/s10194-019-0961-8 PubMed PMID: 30764753; PubMed Central PMCID: PMC6734345.
8. Reina-Varona Á, Madroñero-Miguel B, Fierro-Marrero J, Paris-Alemany A, La Touche R. Efficacy of various exercise interventions for migraine treatment: A systematic review and network meta-analysis. Headache. 2024;64(7):873–900. doi:10.1111/head.14696 PubMed PMID: 38597252.
9. Woldeamanuel YW, Oliveira ABD. What is the efficacy of aerobic exercise versus strength training in the treatment of migraine? A systematic review and network meta-analysis of clinical trials. J Headache Pain. 2022 Oct 13;23(1):134. doi:10.1186/s10194-022-01503-y PubMed PMID: 36229774; PubMed Central PMCID: PMC9563744.
10. Xie J, Lin Y, Wang B. Efficacy and optimal dosage of various exercises for migraine: a multilevel network and dose-response meta-analysis. PeerJ. 2025 Oct 20;13:e20254. doi:10.7717/peerj.20254 PubMed PMID: 41142313; PubMed Central PMCID: PMC12548639.
11. La Touche R, Fierro-Marrero J, Sánchez-Ruíz I, Rodríguez de Rivera-Romero B, Cabrera-López CD, Lerma-Lara S, et al. Prescription of therapeutic exercise in migraine, an evidence-based clinical practice guideline. J Headache Pain. 2023 Jun 7;24(1):68. doi:10.1186/s10194-023-01571-8 PubMed PMID: 37286937; PubMed Central PMCID: PMC10245624.
12. Lima LV, Abner TSS, Sluka KA. Does exercise increase or decrease pain? Central mechanisms underlying these two phenomena. J Physiol. 2017 Jul 1;595(13):4141–50. doi:10.1113/JP273355 PubMed PMID: 28369946; PubMed Central PMCID: PMC5491894.
13. Naugle KM, Fillingim RB, Riley JL. A meta-analytic review of the hypoalgesic effects of exercise. J Pain. 2012 Dec;13(12):1139–50. doi:10.1016/j.jpain.2012.09.006 PubMed PMID: 23141188; PubMed Central PMCID: PMC3578581.
14. Anheyer D, Klose P, Lauche R, Saha FJ, Cramer H. Yoga for Treating Headaches: a Systematic Review and Meta-analysis. J Gen Intern Med. 2020 Mar;35(3):846–54. doi:10.1007/s11606-019-05413-9 PubMed PMID: 31667736; PubMed Central PMCID: PMC7080891.
15. Stubberud A, Buse DC, Kristoffersen ES, Linde M, Tronvik E. Is there a causal relationship between stress and migraine? Current evidence and implications for management. J Headache Pain. 2021 Dec 20;22(1):155. doi:10.1186/s10194-021-01369-6 PubMed PMID: 34930118; PubMed Central PMCID: PMC8685490.
16. Irby MB, Bond DS, Lipton RB, Nicklas B, Houle TT, Penzien DB. Aerobic Exercise for Reducing Migraine Burden: Mechanisms, Markers, and Models of Change Processes. Headache. 2016 Feb;56(2):357–69. doi:10.1111/head.12738 PubMed PMID: 26643584; PubMed Central PMCID: PMC4813301.
17. Kelman L. The triggers or precipitants of the acute migraine attack. Cephalalgia. 2007 May;27(5):394–402. doi:10.1111/j.1468-2982.2007.01303.x PubMed PMID: 17403039.
18. Daenen L, Varkey E, Kellmann M, Nijs J. Exercise, not to exercise, or how to exercise in patients with chronic pain? Applying science to practice. Clin J Pain. 2015 Feb;31(2):108–14. doi:10.1097/AJP.0000000000000099 PubMed PMID: 24662498.



