Sport und ADHS: Mehr Aufmerksamkeit durch Bewegung?
- Jan Stutz, Dr. sc. ETH
- vor 3 Tagen
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Immer mehr Kinder und Erwachsene nehmen Ritalin und andere ADHS-Medikamente ein. Kann Bewegung eine wirksame Alternative sein?
In Europa steigt die Anzahl der Kinder, die Medikamente gegen ADHS einnehmen (1). Die Niederlande haben 2012 sogar die USA überholt: Bereits 4 % aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 0–19 Jahren nehmen regelmässig Ritalin & Co. ein (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1. Prävalenz der ADHS-Medikation bei Kindern und Jugendlichen (0–19 Jahre) in fünf Ländern, 2005–2012. Adaptiert aus Bachmann et al. (1)
Ob eine Person die Diagnose ADHS erhält, hängt somit auch vom jeweiligen Land und vom historischen Zeitpunkt ab. Und von der Definition selbst. Als Hauptsymptome werden typischerweise Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperaktivität und Impulsivität angegeben (2). Diese können Verhalten, Emotionsregulation sowie exekutive Funktionen – etwa Planen und Impulshemmung – beeinträchtigen und dadurch schulische Leistungen und soziale Kompetenzen negativ beeinflussen (3–5).
Ob diese Merkmale als Störung klassifiziert werden, hängt neben kulturellen Faktoren auch wesentlich von den diagnostischen Kriterien ab. Beispielsweise führt die Anwendung der DSM-Kriterien (v.a. in den USA gebräuchliches Klassifikationssystem psychischer Störungen) zu mehr ADHS-Diagnosen als die Anwendung der ICD-Kriterien der WHO (6). Das zeigt, dass die Bewertung von Symptomen neben biologischen auch von diagnostischen und kontextuellen Faktoren beeinflusst wird.
Zudem kann die Einnahme von ADHS-Medikamenten auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Leistungsanforderungen stehen. Eine Schweizer Umfrage im Rahmen der Rekrutierungstage zeigt, dass rund 2 % der Männer regelmässig ADHS-Medikamente wie Ritalin oder Concerta einnehmen (7). Viele mit der Hoffnung, wacher, konzentrierter und leistungsfähiger zu sein (7).
Vor dem Hintergrund steigender Diagnoseraten und Medikamentenverschreibungen möchte ich den Fokus auf eine Alternative legen, die sich positiv auf Aufmerksamkeit und kognitive Funktionen auswirken kann: Bewegung.
Bewegung fördert Konzentration
Eine Übersichtsarbeit von 15 Studien mit insgesamt 734 Kindern und Jugendlichen mit ADHS bestätigt, dass regelmässige Bewegung (2–3 Mal pro Woche über 2–3 Monate) die Konzentrationsfähigkeit verbessert (8). Die aufmerksamkeitsfördernde Wirkung ist schon nach einer einzigen Bewegungseinheit beobachtbar. 23 Erwachsene mit ADHS schnitten bei einem kognitiven Test zur Messung von Aufmerksamkeitskontrolle nach 30 Minuten Velofahren besser ab als nach 30 Minuten Fernsehen (siehe Abbildung 2) (9).

Abbildung 2. Bewegung fördert die Aufmerksamkeit. Eine schnellere Reaktionszeit geht mit einer besseren Aufmerksamkeitskontrolle einher. Adaptiert aus Mehren et al. (9).
Welche Bewegungsformen eignen sich am besten? Übersichtsarbeiten legen nahe, dass Open-Skill-Aktivitäten exekutive Funktionen – die stark von der Aufmerksamkeitskontrolle abhängen – besonders effektiv verbessern (10,11). Open-Skill-Aktivitäten sind Sportarten mit variierender Umgebung, bei denen Entscheidungen situativ getroffen werden müssen, wie beim Fussball, Tennis, Pingpong oder bei Kampfsportarten. Als Beispiel dient hier eine Studie aus Taiwan. Nach drei Monaten Pingpong-Training an zwei Tagen pro Woche zeigten 15 Kinder mit ADHS Verbesserungen in ihren exekutiven Funktionen (12).
Es müssen aber nicht immer Spielsportarten sein. Bereits ein 20-minütiger Spaziergang im Park kann die Aufmerksamkeit von Kindern mit ADHS verbessern (13). Und es profitieren nicht nur Kinder. Wie in diesem Artikel beschrieben, fördert Bewegung auch bei Erwachsenen ohne ADHS-Diagnose die Konzentrationsfähigkeit und Kreativität.
Bewegung und Impulskontrolle
Die Beziehung zwischen Bewegung und Selbstkontrolle ist vermutlich bidirektional. Einerseits bewegen sich Personen mit höherer Selbstkontrolle häufiger, andererseits scheint Bewegung selbst zur Verbesserung der Selbstkontrolle beizutragen (14). Beispielsweise zeigen Erwachsene, die sich mehr bewegen, im Durchschnitt eine geringere Impulsivität (15). Hilft das auch bei ADHS?
Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass regelmässige Bewegung (2–3 Mal pro Woche über 30 Minuten oder länger) Hyperaktivität und Impulsivität bei Personen mit ADHS reduzieren kann (11). Die effektivsten Bewegungsformen waren dabei Closed-Skill-Aktivitäten (11). Das sind Bewegungsformen unter konstanten und vorhersehbaren Bedingungen, wie das beim Wandern, Joggen, Velofahren oder Krafttraining zutrifft. Der repetitive, meditative Charakter dieser Sportarten scheint beruhigend und regulierend zu wirken.
Bewegung scheint also in der Lage zu sein, Kernsymptome der ADHS positiv zu beeinflussen. Hat Bewegung auch Auswirkungen auf weitere ADHS-Symptome, Verhalten und schulische Leistung?
Chancen und Grenzen von Bewegung bei ADHS
Eine umfassende Zusammenfassung der Literatur zu Bewegung und ADHS bei Kindern und Erwachsenen listet zahlreiche Studien auf, die positive Auswirkungen auf kognitive Kontrolle, schulische Leistungen (z. B. Leseverständnis und Arithmetik) sowie auf Verhaltens- und emotionales Funktionieren berichten (16).
Doch nicht alle Studien zeigen positive Auswirkungen. Die Befunde sind teilweise inkonsistent, wie sich etwa am Beispiel des Arbeitsgedächtnisses zeigt: Einige Studien berichten von einer Verbesserung, andere finden keine Effekte. Diese Unterschiede hängen zumindest teilweise mit dem Studiendesign zusammen. Die Effekte von Bewegung variieren je nachdem, ob sie akut oder regelmässig durchgeführt wird, vom Alter der Teilnehmenden sowie von der jeweiligen Bewegungsform (z. B. Ausdauer- vs. Spielsportarten vs. Krafttraining) (16).
Fazit
Insgesamt spricht die aktuelle Studienlage dafür, dass Bewegung bei ADHS sowie zur Förderung kognitiver Leistungsfähigkeit wirksam ist. Bewegungsformen in dynamischen oder variierenden Umgebungen (z. B. Spielsportarten) sind effektiv, um die Aufmerksamkeit zu fordern. Repetitive Bewegungsformen wie Joggen, Schwimmen, oder Velofahren können helfen, die Impulsivität zu regulieren. Besonders motivierend ist der Befund, dass positive Effekte bereits nach einer einzelnen Bewegungseinheit nachweisbar sind.
Analog zur Neurodiversität liegt auch in der Vielfalt der Bewegungsformen besonderes Potenzial.
Referenzen
1. Bachmann CJ, Wijlaars LP, Kalverdijk LJ, Burcu M, Glaeske G, Schuiling-Veninga CCM, et al. Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005-2012. Eur Neuropsychopharmacol. 2017 May;27(5):484–93.
2. American Psychiatric Association. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. 21st edn. 2013. 591–643. p.
3. Deutsches Ärzteblatt [Internet]. [cited 2026 Feb 12]. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (03.03.2017). Available from: https://www.aerzteblatt.de/int/archive/article?id=186560
4. Graziano PA, Garcia A. Attention-deficit hyperactivity disorder and children’s emotion dysregulation: A meta-analysis. Clinical Psychology Review. 2016 Jun 1;46:106–23.
5. Craig F, Margari F, Legrottaglie AR, Palumbi R, Giambattista C de, Margari L. A review of executive function deficits in autism spectrum disorder and attention-deficit/hyperactivity disorder. NDT. 2016 May 12;12:1191–202.
6. Döpfner M, Breuer D, Wille N, Erhart M, Ravens-Sieberer U, the BELLA study group. How often do children meet ICD-10/DSM-IV criteria of attention deficit-/hyperactivity disorder and hyperkinetic disorder? Parent-based prevalence rates in a national sample – results of the BELLA study. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2008 Dec 1;17(1):59–70.
7. Deline S, Baggio S, Studer J, N’Goran AA, Dupuis M, Henchoz Y, et al. Use of Neuroenhancement Drugs: Prevalence, Frequency and Use Expectations in Switzerland. Int J Environ Res Public Health. 2014 Mar;11(3):3032–45.
8. Sun W, Yu M, Zhou X. Effects of physical exercise on attention deficit and other major symptoms in children with ADHD: A meta-analysis. Psychiatry Research. 2022 May 1;311:114509.
9. Mehren A, Özyurt J, Lam AP, Brandes M, Müller HHO, Thiel CM, et al. Acute Effects of Aerobic Exercise on Executive Function and Attention in Adult Patients With ADHD. Front Psychiatry. 2019 Mar 26;10:132.
10. Zhu F, Zhu X, Bi X, Kuang D, Liu B, Zhou J, et al. Comparative effectiveness of various physical exercise interventions on executive functions and related symptoms in children and adolescents with attention deficit hyperactivity disorder: A systematic review and network meta-analysis. Front Public Health. 2023;11:1133727.
11. Han JS, Jang YJ. Exercise-Based Interventions for ADHD: A Review of Modalities, Mechanisms, and Practical Applications. Res Q Exerc Sport. 2025 Dec 11;1–12.
12. Pan CY, Tsai CL, Chu CH, Sung MC, Huang CY, Ma WY. Effects of Physical Exercise Intervention on Motor Skills and Executive Functions in Children With ADHD: A Pilot Study. J Atten Disord. 2019 Feb;23(4):384–97.
13. Taylor AF, Kuo FE. Children with attention deficits concentrate better after walk in the park. J Atten Disord. 2009 Mar;12(5):402–9.
14. Boat R, Cooper SB. Self-Control and Exercise: A Review of the Bi-Directional Relationship. Brain Plast. 5(1):97–104.
15. Abramovitch A, Goldzweig G, Schweiger A. Correlates of physical activity with intrusive thoughts, worry and impulsivity in adults with attention deficit/hyperactivity disorder: a cross-sectional pilot study. Isr J Psychiatry Relat Sci. 2013;50(1):47–54.
16. Den Heijer AE, Groen Y, Tucha L, Fuermaier ABM, Koerts J, Lange KW, et al. Sweat it out? The effects of physical exercise on cognition and behavior in children and adults with ADHD: a systematic literature review. J Neural Transm. 2017 Feb 1;124(1):3–26.



